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Schöne Bescherung

Lieber Nikolaus,
hochverehrter heiliger Mann,

das war ja am letzten Montag eine schöne Bescherung, die aber doch einige Fragen aufgeworfen hat, über die ich mit dir mal sprechen wollte. Leider konnte ich dich persönlich per Telefon nicht erreichen, wofür ich natürlich vollstes Verständnis habe, denn in diesen Tagen bist du ja bekanntlich sehr im Stress. Also habe ich mir gedacht, ich schicke dir diese Mail.

Zunächst einmal bedanke ich mich herzlich bei dir, weil du ganz offensichtlich dem AOM-Vorstand zu einer Eingebung verholfen hast, die dieser auch aufgenommen und umgesetzt hat. Ich vermute mal: Von alleine wäre dem Führungstrio nie eingefallen, eine Weihnachtsfeier zu veranstalten. Wie dem auch sei: Jedenfalls hat der Vorstand ein Abendessen für uns geordert, das nicht nur reichlich, sondern auch sehr lecker war. Da gibt es nichts zu meckern. Und dass die beiden Neulinge Otti und Trude dir nacheiferten und zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben, indem sie uns eine schöne Weihnachtsgeschichte erzählten und selbstgebastelte Tannenbäume an alle Mitspieler verschenkt haben, ist sicher auch auf deinen Einfluss bei den Damen zurückzuführen. Die Tannenbäume waren übrigens so exakt gearbeitet, dass bei uns am Tisch Zweifel aufkamen, ob sie denn wirklich handgefertigt sind. Bestimmt hattest du, lieber Nikolaus, da deine Finger im Spiel.

Sehr gefreut habe ich mich auch über dein Geschenk, eine Tragetasche für meine Noten. Ich nehme an, die Idee kam dir, als du mich vom Himmel aus mit meiner mit Notenblättern vollgepackten, verschlissenen Aldi-Tüte gesehen hast. Du hast sogar daran gedacht, die Taschen aus ökoligischer, fair gehandelter Baumwolle, geerntet von veganen Pflückerinnen, anfertigen zu lassen. Bei Greta Thunberg dürftest du jetzt ganz hoch im Kurs stehen.

So weit die positiven Dinge.

Allerdings gibt es auch ein paar Dinge, die du unbedingt ändern musst und die ich dir nachfolgend (vertraulich natürlich) mit auf den Weg zurück in den Himmel geben möchte. Da du ja alles weißt, ist dir sicher nicht verborgen geblieben, dass sich hier auf Erden – vor allen Dingen in der EU – inzwischen doch vieles geändert hat. Und da du dein Gewerbe, das Verteilen von Geschenken in Anhängigkeit vom Wohlverhalten der Beschenkten,  ja hier in Europa betreibst, unterliegst du auch dem europäischen Recht – auch wenn du hier keinen festen Wohnsitz hast. So merke denn: Bei uns ist bereits im Mai 2018 (!!!) die Datenschutz-Grundverordnung (DSGV) der EU in Kraft getreten. Und genau gegen diese hast du leider verstoßen. Du hattest ja dein "Goldenes Buch" bei unserer Feier mit, in dem akribisch jede Verfehlung und gute Tat verzeichnet war. Diese Datensammelwut deiner Engelchen ist leider seit eineinhalb Jahren in der EU nicht mehr zulässig. Es dürfen keine personenbezogenen Daten mehr gespeichert werden, so dass ich dich bitten muss, alles (oder zumindest mein Sündenregister) sofort zu löschen. Du kannst froh sein, nicht von gierigen / schmierigen Anwälten mit erheblichen Gebühren diesbezüglich abgemahnt worden zu sein. Auch ist es nicht erlaubt, Daten über andere öffentlich zu verbreiten – wie dies ja am vergangenen Montagabend mehrfach der Fall war. Ich empfehle dir, künftig eine Art Beichtstuhl mitzubringen, in dem du dann jeden Deliquenten einzeln einem hochnotpeinlichen Verhör (siehe hierzu bei WIKIPEDIA: Tortur / Blutgerichtsbarkeit / Inquisition) unterziehst.

Es gab eine schicke Notentasche vom NikolausDer Nikolaus brachte u.a. für jeden eine Notentasche

Ganz schlimm ist es, wenn du als männliches Wesen Damen unseres Orchesters in den Arm nimmst, oder sie ungefragt leicht tätschelst. Das kann bei uns schon als sexuelle Nötigung aufgefasst und geahndet werden (siehe #metoo).  Du musst vorher fragen: "Darf ich dich anfassen?"

Außerdem: Du hast deinen Geschenken auch ein geschlechtsspezifisches Getränk beigelegt – hast du auch daran gedacht, dass es inzwischen ein drittes Geschlecht (Diverses) bei uns gibt? Mir ist zwar nicht bekannt, ob es Personen mit diesem Status in unserem Kreis gibt – aber vorsorglich solltest du das bei deinem nächsten Besuch beachten und ein Mischgetränk mitbringen.

Und ganz zuletzt: Du hast uns Weihnachtslieder im öffentlichen Raum singen lassen. Hast du auch daran gedacht, die Veranstaltung bei der GEMA anzumelden und eine Liste der gesungenen Stücke anzufertigen? Ich sehe schon: Auch da könnte noch einiges auf dich zukommen. Armer heiliger Mann.

Alles in allem war aber dein Besuch in Müllekoven wieder einmal ein supertolles Event, das nicht getoppt werden kann – oder höchstens durch einen weiteren Besuch im nächsten Jahr.

mit freundlichen Grüßen
Dein Herbert

Leider ist dem Nikolaus ein kleines Missgeschick passiert: Unserem Mitspieler Hans-Jürgen ist natürlich sofort aufgefallen, dass der heilige Mann seinen weiten Mantel verkehrt herum (also: auf links) getragen hast. Und dazu hat er das folgende Gedicht ad hoc geschrieben und dem Nikolaus spontan am Montag vorgetragen:

Lieber heiliger Nikolaus,
kommst heute hier zu uns ins Haus.

Wir Kinder hier auf Erden
fragen uns: Wie wird's wohl werden.

In diesen frohen, schönen Tagen
antwortest du auf unsere Fragen.

Doch eine Frage ist noch offen,
auf die Beantwortung wir hoffen:

Heiliger Mann, o heiliger Mann,
Warum hast du deinen Umhang verkehrt rum an?

 

 

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